Das Wunderland

Das Wunderland

Der  naturwissenschaftliche Materialismus des Ödlandes kann im Chaos der Atome weder Sinn noch Ziel erkennen. Der Mensch besitzt darin weder Ursache noch  Bestimmung, die  Existenz wird für ihn     zu einem unerträglichen und absurdes Treiben des Zufalls. Das Ego versucht die Sinnlosigkeit seines Daseins  mit  äußerem Überfluss zu ersticken. Das im Ödland gefangene Individuum ist beständig darum bemüht, die Unerträglichkeit seiner Gegenwart mit äußeren Zerstreuungen, mit Entertainment und mit Spaßexzessen zu vergessen.

Damit ist das Fundament für das Wunderland gelegt. Seine  Konstruktion  ist die logische Konsequenz des Menschen auf der rationalen Entwicklungsstufe, der im atomistisch reduktionstischen Weltbild gefangen ist. Es ist der neometaphysische Fluchtraum des Menschen, dem die Seele zwar genommen wurde,  der  aber dennoch von unbewussten spirituellen Bedürfnissen nach Selbsttranszendenz  getrieben ist und dessen Befriedigung in der Welt sucht.

Im Wunderland können wir den Schmerz unserer limitierten und sinnlosen Existenz durch materiellen Besitz auf magische Weise wegzaubern. Zur Schau getragene Statussymbole fördern  die Anerkennung  der Masse  und sind damit in der Lage, das gequälte Ego temporär wieder aufzubauen. Je weiter wir in das Wunderland eindringen, und je mehr  wir uns seiner Magie hingeben, desto besser können wir das Leid unseres  elenden Daseins lindern. Selbst den Tod können wir dann vergessen. Auf diese Weise flüchtet sich das Individuum noch tiefer in seine Scheinrealität und verliert jede Chance, das Konstrukt seines Schutzpanzers zu durchschauen.  Es verliert durch seine diesseitige Fixierung jeglichen Kontakt zur spirituellen Sphäre, und verirrt sich womöglich in Aggression, Zynismus, innerer Leerer oder  Depression. Wenn die Illusion des Wunderlandes zerbricht, bleibt davon nichts übrig, als der ausufernde Kapitalismus, Profitmaximierung, Konkurrenzdenken und Egoismus. Es ist der Trümmerhaufen einer Scheinwelt, an dem immer mehr Menschen zerschellen.

Das Wunderland ist gefüllt von materiellen Surrogaten wie  Luxus und Entertainment, die die mangelnde Bewusstseinsevolution kompensieren sollen. Damit ist es unter der eisernen Herrschaft des Konsums. Wir betreten hier das Königreich des Marketings. Seine Stadthalter sind die Regierungen und Großkonzerne, seine Schreiberlinge sind CNN, Wallstreet Journal, Castingshows,  Vogue und Mens Health. Seine  Advokaten sind die newton-kartesianische Physik, der Neodarwinismus und der Empirismus. Das sind die drei unangefochtenen  Autoritäten, die allein im Besitzt der Wahrheit sind. Die Priester dieser Scheinwelt tummeln sich in Gestalt von Brangelina,  Tomcat, Lady Gaga, Zuckerberg und Warren Buffet herum. Die  Knechte und Bauern sind die Möchtegern Models, Schauspieler,  Investmentbanker, Manager und all die anderen Milliarden Naivlinge, die ewig  an ihren Aufstieg im System und dem erhofften Glück im Reichtum glauben. Sie bilden freiwillig die gehorsame Armee, die blind dem Schlachtruf des Königs folgt.

Für den Einzelnen scheint das Ziel des erhofften Plenums zwar ein Leben lang in greifbarer Nähe zu sein, dennoch entzieht es sich stets geschickt der Realisation. Die arbeitsamen Untertanen sind die Narren der proklamierten freien Marktwirtschaft, die glauben, dass Modell des Neoliberalismus und seine Derivate kennen keine Formen des Marktversagen. Während sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen,  zirkuliert das Kapital sicher im Kreis der Stadthalter, die zugleich Großbesitzer  des institutionellen Regelwerks sind. Wahre Marktmacht befindet sich in der Hand weniger, hinter der Fassade der Demokratie leiten sie das Spiel nach ihren Bedürfnissen.  

Der gesamte American Way of Living basiert auf der Konstruktion des Wunderlandes. Die  pathologische Entwicklung unseres ökonomischen Systems folgt dem Trugbild des Wunderlandes, dass Glück und innere Zufriedenheit durch die Höhe des Einkommens determiniert sind. Generationen quälen sich durch eine Existenz in Demütigung, vegetieren als Bürosklaven dahin und schuften rund um die Uhr für ihren erhofften Aufstieg. Sie sammeln sich zu den Füßen der Stadthalter wie Motten um das Licht, werden von Zeit zu Zeit mit ein paar Brocken bei Laune gehalten, oder von Antidepressiva betäubt,  um am Wochenende wieder in die Shoppingtempel zu strömen und ihren Glauben zu erneuern.

Trotz seiner offensichtlichen Konstruktionsschwächen ist das Leitbild des Wunderlandes stark genug, um die Hoffnung der Untertanen auf Erleuchtung und Vollkommenheit  aufrecht zu erhalten, ungeachtet aller Demütigungen, die sie im Alltag ertragen müssen. Es ist die letzte Bastion des Egos, um im Ödland Orientierung finden zu können, und wird als solche um jeden Preis verteidigt.  

Von Zeit zu Zeit melden Randgruppen mitunter heftigen Widerstand gegen das vorherrschende Paradigma an. Sie können die Lüge des Wunderlandes nicht mehr ertragen, oft haben die Demütigungen des Systems starke Aggressionen in ihnen aufgestaut. Regressive Tendenzen, die den Ausbruch aus dem Wunderland oder dessen Vernichtung zum Ziel haben, äußern sich in vielfältigen Formen, und können mitunter auch stark aggressive Elemente beinhalten. Der Hass auf das Wunderland kann sich im Fundamentalismus entladen, dessen Ziel die ultimative Einebnung  des  gesamten Apparates darstellt.  Auch Strömungen wie der christliche Fundamentalismus folgen dem missionarischen Auftrag und führen einen mittelalterlichen Kreuzzug gegen alles Unheilige, das sich im Wunderland tummelt.  Kreationisten  und Intelligent Design Anhänger verteidigen ihre Überzeugungen einer intelligenten Schöpfung und schütten Schmutzparolen über die verteufelten Darwinisten, die an der Konstruktion des Ödlandes beteiligt waren. Globalisierungsgegner entladen regelmäßig  ihren aufgestauten Zorn in den Straßenschlachten der  verhassten G8Treffen, während die Stadthalter in ihren Elfenbeintürmen weiter an der Verfeinerung des kapitalistischen Wunderlandsystems tüfteln. Doch all diese Bemühungen scheinen vergebens, denn für  rationale Gesellschaftsysteme gibt aus dem Wunderland wohl kein entkommen, solange transpersonale  Evolutionsstufen als pathologische Erscheinungsformen gelten.

 

Siehe auch:

Weihnachten im Wunderland

Das Ödland

Das Orange Programm

Philosophia Perennis

Die Ruhe vor dem Sturm

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.