Perfect-Traders Life & Style:

Weihnachten im Wunderland

Der Weihnachtszirkus: Keine Phase des Jahres eignet sich besser dazu, um sich wieder über den ausufernden Surrogate-Wahn moderner Gesellschaftssysteme bewusst zu werden. In den vergangenen Jahren war vor allem die westliche Denkweise für ihre materialistische Fokussierung wachsender Kritik ausgesetzt, dennoch scheint die Lage jedes Jahr noch skurrilere Dimensionen anzunehmen. Es ist ein beständiger Zyklus, der jeden Dezember den verlässlichen Höhepunkt des orangen Programmes3 erreicht. 

Das Marketing nimmt im Advent schräge Formen an, sodass sich selbst bei eingefleischten Liebhabern des Wunderlandsystems2 ein Hauch von Zweifel auftut, ob hier noch alles mit rechten Dingen zugeht. Um im Dezember die erhöhte Nachfrage der  Konsumenten vor der Konkurrenz abzuschöpfen, wagen sich die Unternehmen mit ihren ohnehin überspannten Marketingstrategin noch ein Stück weiter. Zur Weihnachtszeit ist Marketing noch aggressiver und aufdringlicher. Es erschlägt den Konsumenten förmlich mit frommen Werbebotschaften und weihnachtlichen Geschenksvorschlägen, sodass er sich im Innersten davon unweigerlich belästigt fühlen muss.

Vom Zementhersteller und Nahversorger, bis hin zum Badezimmerausstatter fühlt sich jedes Unternehmen dazu gedrängt, gesegnete und friedliche Weinachten zu wünschen. Wahrlich, es wäre für mich nicht mehr ein vollkommenes Gefühl der Besinnlichkeit, würde mir nicht auch noch der letzte  Produzent von Kalkreiniger ein frohes Fest wünschen. Innerlicher Friede wäre gänzlich undenkbar. 

Mobilfunkbetreiber appellieren daran, dass Weihnachten nur mit dem neuesten Smartphone vollkommen ist, und  selbst Autofelgenhersteller stellen das Versprechen, dass  wir uns ein Stück seliger fühlen, wenn wir unter dem Christbaum 22 Zöller umherwuchten. Wer kennt es nicht, das heilige Gefühl der Erleuchtung, wenn zur Bescherung die neueste Küchenmaschine in die Arme fällt, oder die transmentale Einigkeit mit dem universalen Schöpfungsprinzip, wenn Rasierschaum und Hugo Boss Parfüm durch die aufgerissene Verpackung durchleuchten. Hosanna!

 

 

Das orange Programm  auf Hochtouren

Es ist für Unternehmen schwierig geworden, einer sich selbst überdrüssigen Lifestyle Gesellschaft, die bereits jeden Kitsch besitzt, immer neue Güter schmackhaft zu machen. Schon wieder ein revolutionäres Produkt, das einen Nutzenzuwachs bringt und das  Leben erleichtert? Noch ein Produkt, das die Individualtät und Persönlichkeit besser zum Ausdruck bringen kann? Das neuste Iphone, Samsung, oder doch Nokia, was entspricht dem persönlichen Lifestyle besser und vermittelt der Umwelt meine besondere Individualität? Mercedes, BMW oder Ferrari, mit welchem Wagen argumentiere ich am besten für meinen Way of Living?  

Die Konkurrenz der Unternehmen um die Gunst der Konsumenten ist enorm. Um die Indifferenzkurven im Präferenzsystem des Individuums marginal zur notwendigen Konsumentscheidung zu modifizieren, greifen Marketingstrategien auf ausgeklügelte Tricks zurück. Doch wenn klassische Manipulationen zur Kaufentscheidung nicht mehr ausreichend sind, um die Konsumfunktion der ohnehin hochverschuldeten Privathaushaltes noch weiter anzuheben, dann müssen tiefsitzende religiöse und spirituelle Bedürfnisse angesprochen werden. Die Aktivierung urzeitlichen Regionen des Stammhirns durch mythologische Symbolik ist ein Garant dafür, dass die Transmitterausschüttung  in de  Motivationszentren ein allerletztes mal stimuliert wird, um den letzten Dollar aus der tiefleeren Geldtasche zu zaubern.

Das ultimative Ziel des Marketings ist es, in der Chemie des Gehirns einen marginalen Anstieg des Transmitterpegels auszulösen, der gerade noch ausreichend ist,  um die Kaufentscheidung herbeizuführen. Natürlich bei minimierten Kosten, versteht sich. Das Spiel läuft solange, bis die Grenzkosten der Marketingkampagne ihrem Grenzprofit entspricht, und welche Zeit eignet sich für eine solche effizienzmaximierenden Aktivierung des Nucleus Accumbens besser als Weihnachten: Eine Zeit, in der zwischen Glühwein und Punsch der Hauch von Spiritualität formlich in der Luft zu spüren ist, und uns Lichterketten den Eindruck metaphysischen Friedens auf Erden vermitteln. In diesem Wohlfühlnexus spirituell-religiöser Stimmung, gemischt mit sorglos heiterem Beisammensein am Glühweinstand, kann auch der beharrlichste Skeptiker noch einmal zum Kauf des letzten Krempels überzeugt werden. Nicht zuletzt ist Geben seliger als Nehmen: Auch die Hirnforschung hat gezeigt, dass Schenken ebenfalls kurzfristige Hochgefühle auslösen kann. Kein Grund also für ein schlechtes Gewissen, wenn man wiedermal der Marketingindustrie erlegen ist, denn immerhin hat man sein hart verdientes Geld keinem Ramsch, sondern einem guten Zweck geopfert.

Das Wunderland ist eine vorgegaukelte Realität, die vorgibt Glück, Erfüllung und Seelenfrieden seien im Diesseits durch ein hohes Einkommen, durch Statussymbole und durch materiellen Überfluss zu erlangen. Im Wunderland können wir Glück jederzeit aus dem Hut zaubern, es benötigt dazu lediglich den Akt des Kaufens. Und zu Weihnachten geben sich die Unternehmen alle Mühe, die Szenerie besonders auszuschmücken, und es mit einem Schuss Religiosität in eine neomagische Atmosphäre zu tauchen. Man versetze das Kollektiv in eine sorglos ausgelassene Stimmung, gepaart mit dem leichten Gefühl der metaphysischen Enthebung und gönne ihr damit den wohlverdienten Kaufrausch!

Doch Weihnachten im Wunderland ruft selbst beim überzeugtesten Konsumverfechter den Drang zur Reflexion hervor und zwingt ihn förmlich, die Werte des Materialismus zu hinterfragen. Die billig-religiöse Symbolik gepaart mit dem erzwungenen Gemeinschaftsgefühl einer ansonsten egomanischen Kapitalismusgesellschaft erreichen zur Weihnachtszeit schwer pathologische Formen. Der aufgesetzte religiöse Charme ist für die Bürger leicht durchschaubar und wird trotz seiner obszönen Omnipräsenz mit wenig Bedenken toleriert. Denn der innerseelische Widerstand gegen dieses Karussell der Stumpfsinnigkeit wurde vom System bereits vor langer Zeit gebrochen: "Ist halt so."

Ohne Scham hat sich das orange Projekt in die entlegensten Kammern unserer Gehirne geschlichen, und selbst von den intimen, spirituellen Regionen Besitzt ergriffen. Nun grassiert es einer Seuche gleich und kontrolliert unsere Vorstellungen von Glück, seelischer Zufriedenheit und metaphysischer Befreiung. Porsche, Dolce & Gabbana, Apple und Co bestimmen wie wir auszusehen haben, wonach wir zu Streben haben und wann wir uns das Gefühl innerer Zufriedenheit  und Vollkommenheit erlauben dürfen. Erleuchtung ist nicht länger eine innergeistige, metaphysische Erfahrung der nichtdualen Vollkommenheit, sondern ein Zustand materiellen Überflusses. Und jeder Akt des Kaufens soll uns einen Schritt näher jenem vollkommenen Zustand des Plenums bringen.

 

Moderne Tempel des Glaubens

Wer in der Weihnachtszeit den Fuß in eine Großstadt setzt, sieht Entsetzliches:  Egal ob New York, London, Paris,  Mailand oder Wien, überall der gleiche Anblick verwirrter Massen, die sich in Einkaufszentren stopfen. Der Strom an Menschen, der in die Shoppingtempel fließt, nimmt nahezu hypnotische Ausmaße an. Eine ganze Zivilisation gibt ihrer Überzeugung Ausdruck und feiert ihre Einigkeit in Bezug auf die Sinnlosigkeit der Existenz. Das alte Rom hatte seine Gladiatoren-Arenen zur Unterhaltung des Kollektivs und wir unsere Einkaufstempel. Doch das ist kein bloßer Zeitvertreib der Masse mehr, um die Öde des Wochenendes zu überwinden. Während der Weihnachtszeit transformieren sich die Einkaufszentren zu Pilgerstädten mit religiösen Dimensionen und der Christbaum wird zur symbolischen Stätte der Erleuchtung für die Konsumgesellschaft, die an der Kassa des Supermarkts ihre Befreiung aus der Dualität erhofft.

Wer einen Einkaufssamstag durch die Shoppingcentren einer Großstadt wagt, der steht dem blanken Horror von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Endlose Mengen, die sich durch die Gänge quetschen, verstörtes Verkaufspersonal, dem die Verzweiflung hinter der aufgesetzten Fassade  in den Augen steht. Wem die desillusionierten  Existenzen und ausdruckslosen Gesichter in den Einkaufstrassen zu monoton erscheinen, der findet das Kontrastprogramm am Parkplatz, wo die Schlacht genervter Autofahrer am Toben ist. Plötzlich sind die gequälten Geister wieder voller Aggression und einer Prügelei nahe. Ich mag mich täuschen, aber der Ausdruck der in viele dieser Gesichter geschrieben ist, lässt vermuten, dass die Betroffenen in dieser Lebensweise noch nicht die Erfüllung gefunden haben.

Sinnlose Polemik  die alles beschmutzt? Ekelhafter Nihilismus der keinen Lösungsweg aus dem Dilemma des Großstadtlebens bietet? Ist das also der bemitleidenswerte Zynismus eines Traders, dem die Märkte über die Jahre hinweg das letzte bisschen Seele genommen haben?

"Weihnachten: Fuck Off!"  Das denkt sich so mancher gepeinigte Konsument im Dezember. "Nächstes Jahr bin ich zu der Zeit am Nordpol."  Wohl den meisten Menschen überkommt ein Gefühl der Erleichterung, wenn der 24. Dezember endlich vorbei ist, und selbst von den ein geschliffensten Verfechtern des Wunderlandes, die voll im orangen System integriert sind, hört man gestresste Seufzer, die ein heimliches Klagen durchschimmern lassen. Viele beschleicht in diesem weihnachtlichen Kabinett des Grauens kurz ein Gefühl der Skepsis, nur um wenige Minuten später wieder im Zwielicht der Konsummasse zu versinken. Natürlich gibt es wiederholt ein temporäreres Widersetzen, oder eine wiederkehrende innerliche Stimme, die Bedenken anmeldet. Doch sogleich werden wir wieder in den Sog des Wunderlandes gezogen und schwimmen wieder mit der anonymen Masse mit. 

 

Die Paradoxien des Wunderlandes

Zu keiner Zeit des Jahres werden die Widersprüche und Fehlkonstruktion des Wunderlandes offensichtlicher, als im Weihnachtstrubel. Das gegenseitige Überschlagen der Unternehmen, um ihren Krempel vielleicht doch noch als Weihnachtsgeschenk unters Volk mischen zu können, erschafft ein Irrenhaus des Marketings und des Konsums. Eine rationalisierte Gesellschaft, die mit ihren hochentwickelten Wissenschaften jeden Gott überflüssig gemacht hat, feiert plötzlich wieder dümmlich dessen Geburt, indem sie sich dem Kaufrausch hingibt. Religion und kapitalistischer Lebensstil sind das ganze Jahr über voneinander differenziert, und prallen in der Adventszeit plötzlich wieder voll aufeinander. Spätestens wenn man am 24ten vor dem erleuchteten Familienchristbaum zum Kirchenlied anstimmt und alle Register zieht, um die Scheinfrömmigkeit zu zelebrieren, während man für die restlichen 364 Tage des Jahres einen Deut auf die mittelalterliche Religion oder sein Seelenheil gibt, muss einem irgendetwas seltsam vorkommen.

Das skurrile Weihnachtsgetümmel eignet sich hervorragend, um das westliche Wertesystem und die Lebensweise im Wunderland zu hinterfragen. Diverse Stressfaktoren kumulieren sich jedes Jahr zur Weihnachtszeit und können eine Sinnkrise fördern. Die Systematisierung des Menschen im ökonomischen Apparat, die immer neue Spitzenwerte erreicht, und die Unterdrückung spiritueller Bedürfnisse ist auf Dauer für das rationale Bewusstsein schwer zu ertragen. Immer mehr Menschen leiden an dem sinnentleerten Stress des Wunderlandes und suchen nach Auswegen.  

 

Eine Scheinwelt löst sich auf

Evolution lässt sich nicht dauerhaft unterbinden, unterdrückte Bedürfnisse zur  Selbsttranszendenz drängen an die Oberfläche und latente Bewusstseinspotenziale des Menschen fordern irgendwann ihre Entfaltung ein. Die Konstruktion des Wunderlandes steht auf einem instabilen Fundament und für viele Individuen ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Scheinwelt durchschaut wird und sie sich davon gelangweilt abwenden. Wenn die orange-materialistische Lebensweise keine Befriedigung mehr verschafft, kann sich im Individuum allmählich Kritik erheben und innere Aufbruchsstimmung breit machen. Aus Sicht der transpersonal-integralen Modelle sind aufkommenden Sinnfragen und Glaubenskrisen mögliche Dreh- und Angelpunkte in der Bewusstseinsevolution des Individuums. AmÜbergang zu den transpersonalen Entwicklungsstufen (z.B. Türkis-Koralle) kann sich im Individuum eine radikale Änderung in der Sichtweise und der Interpretation des atomistisch-reduktionistischen Weltbildes ergeben. 

Das Wirtschaftsystem mag nun als große Maschinerie gesehen werden, die die Menschen sinnlos umherirren lässt, ohne ihnen jemals tiefere Befriedigung zu gönnen. Das materialistische Wunderland wird als eine geschickte Inszenierung betrachtet, die zwar keinen tieferen Sinn in sich birgt, aber einen grauenhaften Zweck verfolgt: Effizienzmaximierung und Profitmaximierung  um jeden Preis, auch auf Kosten der Gesundheit des Menschen und der Natur. Der materialistische Lebensstil des orangen Bürgers erscheint ihm plötzlich als ein böser Witz. Er erscheint als ein Gefangener im Rattenkäfig, der ständig damit beschäftigt ist, dem großen Reichtum nachzulaufen. Der Homo Oeconomicus mag als reine Marionette erscheinen, ein kleines Rad, das durch das Nachäffen nach materiellen Surrogaten seinen Zweck innerhalb des Systems erfüllt.

Das  kommerzialisierte Wunderland ist nun gefüllt von Schießbudenfiguren, mit denen man nichts mehr anzufangen weiß. In dieser beklemmenden Zirkusdarstellung wird es dem Sinnsuchenden unmöglich, Freude oder Befriedigung zu empfinden. Das Bedürfnis aus dem sklavenhaften System auszubrechen und letztendlich eine erfüllende und reichhaltige Lebensweisense zu verwirklichen, wird immer stärker und stärker.

Oft gehen solche Glaubenskrisen mit dem Forschen nach neuen physikalischen, biologischen und holistischen Ansätzen einher. Unterschiedliche Yoga Schulen, buddhistische Schriften, Meditationsformen, Schamanismus, Mystik oder andere esoterischen Traditionen rücken verstärkt in das Interesse des Suchenden. Das Universum als rein randomisiertes Treiben der Atome wird hinterfragt und nach tieferen naturwissenschaftlichen Zusammenhängen geforscht, oft mit dem Versuch, altes esoterisches Wissen in die wissenschaftliche Denkweise zu integrieren. 

Die Flucht vom entseelten Ödland1 in das neometaphysische Wunderland ist nur eine temporäre Lösung, sie bietet dem Bewusstsein keinen stabilen Raum, indem es seine Bedürfnisse zur  Selbsttranszendenz und Transformation entfalten kann. Nachdem die Konstruktion des Wunderlandes in sich zusammengebrochen ist, steht das Individuum vor dem Trümmerhaufen seiner Existenz. An diesem Punkt erscheint ein Schritt zurück naheliegend:  Entweder der Mensch zerschellt  an der Sinnlosigkeit der materialistischen Existenz, verfällt in Depressionen und in die Maschinerie der chemischen Ödland1 Psychiatrie.  Oder er gerät in die Fänge mythischer Religionen, die im das Seelenheil versichern. Vielleicht  unterliegt er den Versprechungen von Sekten und  esoterischen Gurus, die angeblich im Besitz einer höheren Wahrheit sind und ihm diese zugänglich machen können. Oder er regrediert tatsächlich zurück in magische Welten, in denen er mit schamanischen Mächten ausgestattet ist und seine Gedanken das Wetter kontrollieren. Vielleicht projiziert er sein ganzes inneres Leid auf die Illuminati, und alle anderen Geheimorganisationen da draußen, die an seiner Misere Schuld sind und verstickt sich endlose in Verschwörungstheorie zwischen Ufos, Wikileaks und bösen Mächten, die die Erde regieren. Womöglich sucht er nach Antworten in den systemtheoretischen  Konzepten des Ödlandes und widmet  ihnen vergebens sein restliches Leben für die Suche nach Wahrheit.

Vielleicht ist die Sinnkrise aber auch der Beginn eines evolutionären Prozesses, der ihn weit über die personalen Grenzen des Ich-Bewusstseins hinausträgt.Transpersonale Theoretiker und Autoren für integrale Entwicklungspsychologie sind sich darüber uneinig, ob der Übergang  von einer Bewusstseinsstufe zur nächsten stets durch Krisen ausgelöst wird, ob er nur manchmal von Krisen begleitet ist, oder ob er sich beizeiten auch ohne größere Konflikte aus freien Stücken heraus einstellen kann. Tatsache ist, wir können nach dem derzeitigen Forschungstand nur darüber spekulieren, welche Faktoren die transpersonale Entwicklung stimulieren, und ob Sinnkrisen eine Rolle dabei spielen.

Die steigende Zahl der Depressionserkrankungen und der wachsende Einsatz von Psychopharmaka zeigen auf, dass die westliche Lebensweise mit großen psychologischen Belastungen einher geht und ohne chemische Manipulationen des Gehirns praktisch nicht überlebensfähig ist. Vor allem das transpersonale Modell von Stanislav Grof sieht in der zunehmend pharmakologischen Unterdrückung von Depressionen eine Fehlentwicklung. Sein Konzept der spirituellen Krise sieht in westlichen Sinnkrisen oft ein verstecktes Potenzial der transpersonalen Bewusstseinsentwicklung. Grofs klinischer Forschung zufolge sind viele Depressionen, die auf die sinnentleerte westliche Lebensweise zurückzuführen sind, versäumte oder fehlgeleitete Möglichkeiten, die Selbsttranszendenz des Individuums zu fördern. (Grof)

Auch Integrale Entwicklungsmodelle, die  auf die Dynamiken der Bewusstseinsevolution übertragbar sind,  sind dominiert von der Hypothese, dass in Evolutionsprozessen Dreh- und Angelpunkt existieren, die zwischen Regression und Fortschritt entscheiden. Gelingt es im Entwicklungsprozess durch Transformation und Integration der Subholons das System auf höhere Komplexitätsebene zu führen, schreitet die Evolution auf die nächste Stufe voran. Scheitert die Integration der Subholons, oder nimmt sie pathologisch instabile Formen an, so zerfällt das System. Die Holons regredieren auf frühere Entwicklungsstufen niedrigerer Komplexität. (Wilber)

Eine Sinnkrise, die verzweifelt nach neuen Entfaltungsmöglichkeiten sucht, kann sehr unterschiedliche Erscheinungsformen und Pathologien annehmen, häufig regt sich aber Widerstand gegen die Zwänge des Turbokapitalismus. Um die innerlich revoltierenden Individuen weiterhin in den ökonomischen Apparat einzubinden, ist der systematische Einsatz von Psychopharmaka nicht mehr wegzudenken. Ritalin für die Kinder und  Serotonin für die Erwachsenen vereinen sich zu einem meisterhaften Erziehungsprogramm für den perfekten Konsumenten, der wieder hypnotisch durch das Wunderland streift. Selbst wenn das Individuum durch seine beeinträchtigte psychische Verfassung und verminderter Leistungsfähigkeit nicht mehr in der Lage ist, etwas zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung beizutragen, Kredit aufnehmen kann es mithilfe der neuesten Antidepressiva allemal noch und damit das ökonomische System, zumindest noch auf Pump, künstlich aufblasen. Dieser Weg der unterdrückten Selbstfindung des Menschen, lässt sich durchaus mit den Interessen der einflussstarken Pharma  Lobby vereinbaren. Für sie gibt es keine Notwendigkeit die Individuen im Selbsterkenntnisprozess zu fördern und den Chemiekonsum zu senken, im Gegenteil, psychisch gesunde Bürger sind ihr ein Dorn im Auge.

Und so streifen wir wieder im Wunderland umher, zurück im  tranceartigen Zustand, indem wir gelernt haben, still und heimlich der Masse zu folgen. Ohne höhere Erkenntnis, ohne dem Warum,  schleppen wir uns wieder von einem Tag zum nächsten, gefangen im großen orangen Projekt. Vergeuden wir mit jedem Weihnachten die Chance aus der Schizophrenie zwischen Ödland1 und Wunderland zu erwachen? Wir lassen in unserem Leben soviele Chancen ungenützt zurück. Doch vielleicht bietet Weihnachten 2011 schon die nächste Möglichkeit dazu, uns die Augen zu öffnen.

 

 

Literatur

Becks, Don – Spiral Dynamics

Huxley, Aldous und Conrad, Henry Raymond - Die ewige Philosophie (Philosophia perennis)

Kuhn  Thomas S.- Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

Grof, Stanislav- Kosmos und Psyche. An den Grenzen menschlichen Bewusstseins

Grof, Stanislav - Geburt, Tod und Transzendenz. Neue Dimensionen in der Psychologie

Nagarjuna – Die Philosophie der Leere

Wilber, Ken- Eros, Kosmos, Logos. Eine Jahrtausend-Vision.

Wilber, Ken – Integrale Psychologie

 

Weitere Literatur

http://www.visionaryart.oliver-sorin.com/8%20literatur/literatur.html

 

 

 

(1)Das Ödland (Systemland):

Das Ödland ist die reduzierte Welt des Materialismus, die nur durch empirische Daten nachzuweisen ist. Der  wissenschaftliche Forschungsstand ist beherrscht von reduktionistisch– atomistischen Gedankenmodellen. Kennzeichen der präholistische Konzeptionierung der Realität:  Unterentwickelte interdisziplinäre Forschung .Physik, Biologie und  Genetik sind von streng mechanischen Vorstellungen geprägt. Naturwissenschaft und Religion sind streng von einander differenziert, doch statt einer Integration der Teile, driften sie immer weiter auseinander und ergeben für einander keinen Sinn mehr.  

Das Universum ist eine  ausgeklügelte Maschine, die von der Wissenschaft eines Tages voll enträtselt sein wird.  Der Mensch ist ein unbedeutender Teil in diesem großen Uhrwerk. Der Erkenntnisstand über die physikalische, chemische und biologische Ebene beeinflusst stark die kulturelle Ebene. Das Universum und die Existenz haben keinen  tieferen sind Sinn und sind geleitet von zufälligen Ereignissen. Das Leben des Menschen ist ein Kampf nach dem neodarwinistischen Grundsatz des Survival of the fittest. Rücksichtslosigkeit und unmoralisches Verhalten im Wirtschaftsleben wird weitgehend toleriert: „ Man muss eben sehen wo man bleibt und sich nehmen, was man bekommt. Jeder ist  auf sich gestellt und selbst der nächste.“  

Der kognitive Entwicklungsstand des Kollektivs  ist rational, der moralische Entwicklungsstand ist konventionell (soziozentrisch, ethnozentrisch, ist an eigenen Stamm, an eine Rasse, oder Gesellschaft gebunden).  Logik, Technik und egoistische Durchsetzungskraft sind deshalb vergleichsweise dominant, Moral,  Ethik und universales Mitgefühl sind vergleichsweise rezessiv. Emotionen sind  unbedeutende, oder sogar störende Nebenprodukte der chemischen Suppe im Gehirn. Die Folge sind kapitalistisch organisierte Gesellschaftssysteme mit hoher Effizienz und einem hohem Grad der Systematisierung und Institutionalisierung des Alltages. Flüchtiges Glück ist im Diesseits vor allem durch materiellen Überfluss und Anerkennung von einer breiten Masse realisierbar. Es gibt keine Seele, kein Leben nach dem Tod, keine metaphysischen Kräfte und damit auch keine authentische Spiritualität. Für den entseelten Menschen gibt es hier keine Möglichkeit zur Transzendenz. Das Ödland ist zweidimensional, es gibt keine vertikalen Evolutionsaufstieg des Bewusstseins durch Transformation und Integration(siehe auch zweidimensionales Flachland bei Ken Wilber). Religion und spirituelle Schriften sind das Produkt unterentwickelter Kulturen und  beherbergen  keinen tieferen Erkenntnisgehalt. Allein die industrialisierte Welt hat erstmals in der Menschheitsgeschichte den Schlüssel zur Wahrheit gefunden. Transpersonale Erfahrungen  sind pathologische Anzeichen oder  Symptome schwerer Geistesstörungen, die klinischer Behandlung bedürfen. Spirituelle Schriften des Altertums (z.B. Philosophia Perennis) und die  Modelle von Sri Aurobindo, Nagarjuna,  Jesus, Buddha und anderen Heiligen und Weisen sind bestenfalls  infantile Projekte zur Flucht aus der unerträglichen Trostlosigkeit der limitieren menschlichen Existenz. Eher aber sind sie  die Wahnvorstellungen von Psychotikern und Geisteskranken.

 Das  Ödland hat Parallelen zu den Welten von James Bond, Bud Spencer und Terence Hill, dem virtuellen Konstrukt der Maschinen im Film Matrix. Die ultimative Realisation findet der mechanische Aspekt des Ödlandes in der Welt der Borg.

 

(2)Das Wunderland

Der  naturwissenschaftliche Materialismus des Ödlandes kann im Chaos der Atome weder Sinn noch Ziel erkennen. Der Mensch besitzt darin weder Ursache noch  Bestimmung, die  Existenz wird für ihn     zu einem unerträglichen und absurdes Treiben des Zufalls. Das Ego versucht die Sinnlosigkeit seines Daseins  mit  äußerem Überfluss zu ersticken. Das im Ödland gefangene Individuum ist beständig darum bemüht, die Unerträglichkeit seiner Gegenwart mit äußeren Zerstreuungen, mit Entertainment und mit Spaßexzessen zu vergessen.

Damit ist das Fundament für das Wunderland gelegt. Seine  Konstruktion  ist die logische Konsequenz des Menschen auf der rationalen Entwicklungsstufe, der im atomistisch reduktionstischen Weltbild gefangen ist. Es ist der neometaphysische Fluchtraum des Menschen, dem die Seele zwar genommen wurde,  der  aber dennoch von unbewussten spirituellen Bedürfnissen nach Selbsttranszendenz  getrieben ist und dessen Befriedigung in der Welt sucht.

Im Wunderland können wir den Schmerz unserer limitierten und sinnlosen Existenz durch materiellen Besitz auf magische Weise wegzaubern. Zur Schau getragene Statussymbole fördern  die Anerkennung  der Masse  und sind damit in der Lage, das gequälte Ego temporär wieder aufzubauen. Je weiter wir in das Wunderland eindringen, und je mehr  wir uns seiner Magie hingeben, desto besser können wir das Leid unseres  elenden Daseins lindern. Selbst den Tod können wir dann vergessen. Auf diese Weise flüchtet sich das Individuum noch tiefer in seine Scheinrealität und verliert jede Chance, das Konstrukt seines Schutzpanzers zu durchschauen.  Es verliert durch seine diesseitige Fixierung jeglichen Kontakt zur spirituellen Sphäre, und verirrt sich womöglich in Aggression, Zynismus, innerer Leerer oder  Depression. Wenn die Illusion des Wunderlandes zerbricht, bleibt davon nichts übrig, als der ausufernde Kapitalismus, Profitmaximierung, Konkurrenzdenken und Egoismus. Es ist der Trümmerhaufen einer Scheinwelt, an dem immer mehr Menschen zerschellen.

Das Wunderland ist gefüllt von materiellen Surrogaten wie  Luxus und Entertainment, die die mangelnde Bewusstseinsevolution kompensieren sollen. Damit ist es unter der eisernen Herrschaft des Konsums. Wir betreten hier das Königreich des Marketings. Seine Stadthalter sind die Regierungen und Großkonzerne, seine Schreiberlinge sind CNN, Wallstreet Journal, Castingshows,  Vogue und Mens Health. Seine  Advokaten sind die newton-kartesianische Physik, der Neodarwinismus und der Empirismus. Das sind die drei unangefochtenen  Autoritäten, die allein im Besitzt der Wahrheit sind. Die Priester dieser Scheinwelt tummeln sich in Gestalt von Brangelina,  Tomcat, Lady Gaga, Zuckerberg und Warren Buffet herum. Die  Knechte und Bauern sind die Möchtegern Models, Schauspieler,  Investmentbanker, Manager und all die anderen Milliarden Naivlinge, die ewig  an ihren Aufstieg im System und dem erhofften Glück im Reichtum glauben. Sie bilden freiwillig die gehorsame Armee, die blind dem Schlachtruf des Königs folgt.

Für den Einzelnen scheint das Ziel des erhofften Plenums zwar ein Leben lang in greifbarer Nähe zu sein, dennoch entzieht es sich stets geschickt der Realisation. Die arbeitsamen Untertanen sind die Narren der proklamierten freien Marktwirtschaft, die glauben, dass Modell des Neoliberalismus und seine Derivate kennen keine Formen des Marktversagen. Während sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen,  zirkuliert das Kapital sicher im Kreis der Stadthalter, die zugleich Großbesitzer  des institutionellen Regelwerks sind. Wahre Marktmacht befindet sich in der Hand weniger, hinter der Fassade der Demokratie leiten sie das Spiel nach ihren Bedürfnissen.  

Der gesamte American Way of Living basiert auf der Konstruktion des Wunderlandes. Die  pathologische Entwicklung unseres ökonomischen Systems folgt dem Trugbild des Wunderlandes, dass Glück und innere Zufriedenheit durch die Höhe des Einkommens determiniert sind. Generationen quälen sich durch eine Existenz in Demütigung, vegetieren als Bürosklaven dahin und schuften rund um die Uhr für ihren erhofften Aufstieg. Sie sammeln sich zu den Füßen der Stadthalter wie Motten um das Licht, werden von Zeit zu Zeit mit ein paar Brocken bei Laune gehalten, oder von Antidepressiva betäubt,  um am Wochenende wieder in die Shoppingtempel zu strömen und ihren Glauben zu erneuern.

Trotz seiner offensichtlichen Konstruktionsschwächen ist das Leitbild des Wunderlandes stark genug, um die Hoffnung der Untertanen auf Erleuchtung und Vollkommenheit  aufrecht zu erhalten, ungeachtet aller Demütigungen, die sie im Alltag ertragen müssen. Es ist die letzte Bastion des Egos, um im Ödland Orientierung finden zu können, und wird als solche um jeden Preis verteidigt.  

Von Zeit zu Zeit melden Randgruppen mitunter heftigen Widerstand gegen das vorherrschende Paradigma an. Sie können die Lüge des Wunderlandes nicht mehr ertragen, oft haben die Demütigungen des Systems starke Aggressionen in ihnen aufgestaut. Regressive Tendenzen, die den Ausbruch aus dem Wunderland oder dessen Vernichtung zum Ziel haben, äußern sich in vielfältigen Formen, und können mitunter auch stark aggressive Elemente beinhalten. Der Hass auf das Wunderland kann sich im Fundamentalismus entladen, dessen Ziel die ultimative Einebnung  des  gesamten Apparates darstellt.  Auch Strömungen wie der christliche Fundamentalismus folgen dem missionarischen Auftrag und führen einen mittelalterlichen Kreuzzug gegen alles Unheilige, das sich im Wunderland tummelt.  Kreationisten  und Intelligent Design Anhänger verteidigen ihre Überzeugungen einer intelligenten Schöpfung und schütten Schmutzparolen über die verteufelten Darwinisten, die an der Konstruktion des Ödlandes beteiligt waren. Globalisierungsgegner entladen regelmäßig  ihren aufgestauten Zorn in den Straßenschlachten der  verhassten G8Treffen, während die Stadthalter in ihren Elfenbeintürmen weiter an der Verfeinerung des kapitalistischen Wunderlandsystems tüfteln. Doch all diese Bemühungen scheinen vergebens, denn für  rationale Gesellschaftsysteme gibt aus dem Wunderland wohl kein entkommen, solange transpersonale  Evolutionsstufen als pathologische Erscheinungsformen gelten.

 

(3)Das orange Programm:

Synonym für die Summe der menschlichen Handlungen im Ödland und unter dem Trugbild des  Wunderlandes. Das  orange Programm ist die Überlebensstrategie des Menschen im atomistisch-randomisierten Weltbild. Kennzeichen sind:  empiristisch, logisch-deduktiv, hochentwickelte Rationalität und Problemlösungsfähigkeiten, vergleichsweise unterentwickelte emotionale Einfühlsamkeit. Das Moralsystem umfasst nicht universales Mitgefühl. Logik, Technik und egoistische Durchsetzungskraft sind deshalb vergleichsweise dominant, Moral  und  Mitgefühl sind vergleichsweise rezessiv. Streben nach Macht und Reichtum, geprägt von Eitelkeit, Selbstgeltungsbedürfnis, egozentriert und hohes Konkurrenzdenken. Materieller Überfluss und äußere Surrogaten dienen als Ersatz für fehlende Selbsttranszendenz und mangelnde spirituelle Bewusstseinsevolution.

Orange Programme sind im Interesse ihrer eigenen Existenz darum bemüht, um jeden Preis das empiristisch-materialistische Weltbild zu verteidigen. Für dieses Ziel gehen sie auch die Kosten eines hohen pathologischen Entwicklungspotenzials ein und schrecken auch vor skurrilen Interpretationen der Umwelt und der Schaffung  grotesker Systeme nicht zurück. Die empirische Fokussierung  erlaubt es ihnen, Prozesse Schritt für Schritt zu zerlegen und zu analysieren. Wir verdanken orangen Programmen  viel:  Unsere Befreiung aus der mythischen Vorherschaft der Kirche, die Differenzierung von Naturwissenschaft und Religion, die Industrialisierung, den technischen Fortschritt, die Systemtheorie und unsere moderne Ökonomie mit seiner hohen Produktionseffizient. Orange Programme schaffen eine Vielfalt neuer Systeme (die endlose Vielfalt der globalen Märkte, neue kulturelle Phänomene, neue Formen der Kunst) zugleich gehen auch alte Systeme  verloren (z.B. Verlust der Biodiversität im Zuge der orangen Vorherschaft des Menschen). Damit sind orange Programme ein Teil des gesamtevolutionären Prozesses, mit dem das universal kreative Prinzip arbeitet, um sich in der Welt zu entfalten.

Orange Programme sind nicht auf die sozial-kulturelle Ebene beschränkt, sie laufen auch in der physikalischen und biologischen Forschung ab und selbst die Philosophie kann sich ihrer Anziehungskraft seit  Jahrzehnten nicht entziehen. Widersprüche, die im Zuge der  Modellkonstruktionen ans Licht treten,  und nicht mit der Realität vereinbar sind, wie beispielsweise in der Physik(z.B.  Gravitationsanomalien, Dunkle Materie, fehlendes Higgs Teilchen), in der Biologie, Genetik (nutzlose Introns der DNA),  oder in der Mathematik (z.B. Gödelsche Unvollständigkeitstheorem),  werden im orangen Programm solange wie möglich ignoriert, um den Zusammenbruch des empirisch-materialistische Paradigmas zu verhindern. 

Einmal aktiv, laufen orange Programme mit zufriedenstellender Stabilität. Wenn die Vorhersagen ihrer Modelle nicht mit der Realität übereinstimmen, wird nach schrittweisen Anpassungen gesucht, ohne das orange Paradigma zu verändern. Wiedersprüche und Paradoxien, die nach und nach auftreten und auf integrale Anomalien des Programmes hindeuten, werden so lange wie möglich ignoriert, oder durch Anpassung der Axiome und Hypothese wieder mit dem orangen Modell vereinbar gemacht. (Kuhn)

Orange Programme sind erfinderisch, um ihre Existenz zu verteidigen. Sie umgeben uns überall, doch  am offensichtlichsten wird ihre Wirkungsweise an den Auswüchsen des ökonomischen Systems. Die heutige Form der komplexen Marktwirtschaft ist ein fein auskonstruiertes oranges Programm und es ist überhaupt fraglich, ob globale Märkte mit einem andersfarbigen Bios funktionieren können.  Bislang fehlt uns weitgehend die Vorstellung dafür, wie eine globalisierte Marktwirtschaft auf Basis eines türkisen Grundprogramms aussehen könnte. Dennoch ist die pathologische Entwicklung zum Turbokapitalismus und die Sinnkrise der westlichen Gesellschaft  auf zuviel orange im Programm zurückzuführen.

Die ultimative Kennzahl, mit der das orange Projekt seinen Gesamterfolg misst, ist das jährliche Wachstum des Brutto Inland Produktes. Obwohl empirisch schon lange nachgewiesen ist, dass mit dem wachsenden BIP das subjektiv gefühlte Glück der Bürger nicht zunimmt, arbeitet die orange Maschinerie weiterhin auf Hochtouren, um unter gewaltigen Opportunitätskosten, diese eine Kennzahl  weiter zu pushen.  Der Glaube, den Zustand der Vollkommenheit im Materialismus zu realisieren, ist dem orangen Programm nicht zu nehmen. Alle Bekehrungsversuche werden einfach ignoriert.

Doch die Probleme, auf die orange Programme in der Ökonomie stoßen, sind vielfältiger: Die hohe Komplexität der anonymisierten Märkte macht einen ebenso hohen Institutionalisierungsgrad notwendig, der die egoistisch-materialistische Fokussierung und die fehlenden ethisch-moralischen Konventionen des orangen Bios kompensieren muss.  (Um innerhalb des  Vier Quadranten Modell von Ken Wilber  zu argumentieren: Es kommt im Zuge der ökonomischen Entwicklung zu einer Disharmonie zwischen den informellen Institutionen im dritten Quadranten und den formellen Institutionen im vierten Quadranten. Sie dazu auch Ansätze einer Integralen Wirtschaftspolitik.)

Doch mit zunehmender Komplexität der Märkte (vor allem der Finanzmärkte) kommt der notwendige formelle Institutionalisierungsgrad der Entwicklungsdynamik des Wirtschaftssystems nicht mehr hinterher. Die institutionelle Wirtschaftspolitik, die immer neue Formen des Marktversagens und immer stärkere Boom Burst Sequenzen glätten soll, hinkt ständig der Entwicklung der Märkte hinterher. Das Resultat:  Von Zeit zu Zeit offenbart sich die Instabilität des ökonomischen Systems unter dem orangen Programm (z.B. Wirtschaftskrisen ausgelöst durch mangelnde Regulierung der Märkte).  Mit zunehmenden Amplituden der Boom Burst Sequenzen verschärft sich auch die Intensität der Krisen, solange, bis der kritische Punkt im Schwingungsprozess überschritten wird und das System zerfällt.

Selbst eine Weltregierung, die das institutionelle Framework global abstimmt, wird kaum in der Lage sein, mit einem formellen Regelapparat der Komplexität zukünftiger Finanzmärkte gerecht zu werden. Dies wird eines Tages womöglich den Untergang des orangen Programmes besiegeln und  ein postorangen Bios der Marktwirtschaft und der globalisierten Gesellschaft als Ganzes erfordern.

Orange Programme sind relativ tolerant gegenüber dem Andersartigen und Fremden, solange diese nicht spezielle Kennzeichen aufweisen, aber sie haben ein großes Feindbild, gegen das sie mit aller Entschiedenheit vorgehen. Alles Magische, Mythische, Esoterische, Metaphysische, Spirituelle oder Mystische ist ihnen ein Horror. Kurz: Alles, das empirisch nicht nachweisbar ist, oder der Fratze der Pseudowissenschaft ähnelt, kommt sofort auf die Black List. Sobald auch nur geringste Anzeichen dafür vorliegen, wird das Andersartige sofort als feindlicher Virus identifiziert. Große Vorsicht ist geboten, denn wenn sich dieser Virus im Bewusstsein der Menschen verbreitet hat, lässt er sich kaum mehr löschen. Orange Programme sind ständig auf der Lauer nach dem Virus, und sie vermuten seine  Spitzel  an jeder Ecke. Sie reagieren fast psychotisch, wenn sie eine Fährte wittern, und ziehen sofort alle Register der Kriegsführung, um den Feind im Keim zu ersticken.

Diese Furcht ist nicht unbegründet. Zum einen ist das orange Programm in ständiger Angst, die eigene Existenz zu Gunsten eines virenhaften Konkurrenzprogrammes zu verlieren. Doch die Urangst vor dem Feind geht viel weiter zurück und liegt tief in den bestialischen Taten der magischen Gesellschaften (z.B. Menschenopfer) und den Gräueltaten des mythischen Mittelalters verwurzelt.

Aus panischer Furcht vor der neuerlichen Herrschaft des metaphysischen Feindes, hat sich das orange Programm in eine Psychose verrannt. Mit der Waffe des Empirismus gelang es zwar den Teufel samt seiner Wurzeln auszurotten, zugleich wurde uns Menschen auch die Seele aus dem Leib torpediert und damit jede Hoffnung auf Transzendenz und Transpersonale Evolution. Der systeminterne Fehler im orangen Programm hat uns in die kalte Welt des Materialismus geführt.  Nun irren wir planlos und zerrissen umher, gefangen in der Schizophrenie zwischen dem Ödland und dem Wunderland.

Das orange Programm: Siehe auch Atman Projekt bei Ken Wilber, orange Meme im Spiral Dynamics System.

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Research - Life & Style

Cote d' Azur Lifestyle, stabile Ungleichgewichte und transpersonale Hoffnungen


Mein letzter Aufenthalt an der Cote d' Azur hat mich mehr denn je zum Grübeln gebracht, wie sich die Zukunft der Lifestyle Monokultur in den nächsten Jahren gestalten wird. Vor allem in Anbetracht der ökonomischen Entwicklungen der Eurozone, mit Rezession/Depression, Massenarbeitslosigkeit, dem strukturell ungelösten Währungsproblem, den wachsenden Staatsverschuldungen, der wachsenden EZB-Bilanz und dem Crash gefährdeten Finanzsystem, stellt man sich die Frage, was für ein grausames Spiel hier eigentlich abläuft.

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